Kulturbahnhof: „So könnte er aussehen“ - Ergebnis des nichtoffenen Realisierungswettbewerbs vorgestellt

Das kulturelle Zentrum des neuen Stadtquartiers Stadtoval soll das historische Bahnausbesserungswerk werden. Auch städtebaulich soll der neue „“Kulturbahnhof“ einen wichtigen überregional bedeutsamen Akzent setzen. Die Stadt Aalen hat einen nicht offenen Realisierungswettbewerb ausgeschrieben, an dem 15 Architekurbüros beteiligt waren. Am Freitag, 25. September 2015 hat das Preisgericht unter dem Vorsitz von Dipl.Ing. Arch. Wolfgang Riehle seine Entscheidung getroffen. Gemeinsam mit Oberbürgermeister Thilo Rentschler gab er am Samstag die Preisträger bekannt. Das Büro Ackermann und Raff (Stuttgart und Tübingen) wurde mit dem 1. Preis ausgezeichnet.

Kulturbahnhof Aalen - Ansicht Ost
Kulturbahnhof Aalen - Ansicht Ost (© Ackermann und Raff, Stuttgart)

Erfreulich ist der Umstand, dass ein Aalener Büro unter den erstplatzierten Entwürfen gelandet ist: Architekt Bernd Liebel erreichte in Kooperation mit dem Stuttgartert Büro Haascookzemmrich Studio 2050 einen 3. Preis.

„Der geplante Kulturbahnhof ist der Dreh- und Angelpunkt für eine erfolgreiche Entwicklung des neuen Stadtquartiers“, sagte der Oberbürgermeister beim Pressetermin mit den Endplatzierten Architekten, Oliver Braun und Alexander Lange vom Büro Ackermann und Raff. Juryvorsitzender und Ehrenpräsident der Stuttgarter Architektenkammer Wolfgang Riehle stellte anschließend die preisgekrönten Entwürfe vor. „Es war eine harmonische Sitzung – Sach- und Fachpreisrichter waren sich bei der getroffenen Auswahl komplett einig.“ Wichtigstes Kriterium für das Bewertungsverfahren sei der behutsame Umgang mit der historischen Bausubstanz des ehemaligen Bahnausbesserungswerkes gewesen“.

Nach intensiven Diskussionen und Bewertungen hat die Jury, bestehend aus externen Fachleuten, renommierten Stadtplanern, Architekten und Vertretern des Gemeinderates und der Stadtverwaltung sowie Vertretern der künftigen Nutzern die folgenden Planungsvorschläge ausgezeichnet:

1. Preis - Büro Ackermann und Raff, Stuttgart
   
3. Preis - Liebel Architekten, Aalen und Haascookzemmrich Studio 2050, Stuttgart
   
3. Preis - Code Unique, Dresden
   
4. Preis - GBR Gies Architekten BDA, Freiburg mit Atelier Doazan und Hirschberger, Bordeaux

4. Preis - Lehmann Architeken, GmbH, Offenburg   

Das Wettbewerbsverfahren und die Teilnehmer

Das Planung wurde als sog. Nichtoffener Realisierungswettbewerb durchgeführt mit fünf eingeladenen, versierten Planungsbüros und 10 Hinzugelosten aus einem Bewerberfeld von 162 interessierten Architekten aus dem In- und Ausland.

15 Büros gingen im Mai 2015 nach dem Kolloquium am 19.05.2015 an den Start. Davon haben 14 bis 10.08.2015 ein Konzept für die Gestaltung und Nutzung des Kulturbahnhofes mit kulturellen Einrichtungen, insbesondere dem städtischen Theater, einer privaten Theaterwerkstatt, einem genossenschaftlich organisierten Programm-Kino und der Musikschule sowie Versammlungs- und Veranstaltungsräume und Gastronomie entwickelt.

Das Projekt - ein Leuchtturm für die Stadtentwicklung

Das Wettbewerbsgebiet ist Teil des innerstädtischen Entwicklungsbereiches Stadt-oval –  überwiegend ein früheres Bahnbetriebsareal mit einer Fläche von ca. 6 ha, das die Stadt von den bisherigen Eigentümern, der Aurelis Real Estate und der Bahn AG, erwerben konnte.

In den Jahren 2009/2010 haben die damaligen Eigentümer zusammen mit der Stadt einen Städtebaulichen Wettbewerb zur Überplanung des Stadtovals aus-geschrieben. Gefragt war eine Nutzungskonzeption, welche eine gemischte, verdichtete neue Stadtstruktur erlaubt. Das bedeutet, Wohnen und Arbeiten ungestört nebeneinander zu ermöglichen, wobei durch die Einbeziehung des Hirschbachs attraktive Grün- und Freiflächen mit einer hohen Aufenthaltsqualität geschaffen werden sollen. Modernes Stadtleben mit Kultur oder Events als Entwicklungsziel.

Der Städtebauliche Wettbewerb für das „Stadtoval“ wurde Mitte 2010 entschieden. Das mit dem ersten Preis ausgezeichnete Konzept besteht aus:

  • dem Wohnquartier, das sich an der ehemaligen Eisenbahnersiedlung im Osten  angliedert und ausrichtet
  • einer „Innovationsschiene“ entlang der Gleise für Forschung und Arbeit
  • sowie
  • dem integrierenden Freiraum mit Grünflächen

Das „Stadtoval“ ist ein zentrales Element der Entwicklung „Attraktives Aalen“. Im Bereich der nördlichen Kernstadt werden in den kommenden Jahren ca.  500 Mio € investiert – dies ist ein eindrucksvoller Nachweis für die nachhaltige Attraktivität des Standortes Aalen und die Potentiale für Nachnutzung, Sanierung und Revitalisierung. Durch den Erhalt identitätsstiftender historischer Bausubstanz – mit dem Bahnverwaltungsgebäude und dem privat sanierten Lokschuppen – wird die Anknüpfung an die für die Stadtentwicklung wichtige Bahntradition geschaffen.

Kernprojekt des „Stadtovals“ ist dabei der Kulturbahnhof Gegenstand des hier ausgeschriebenen Wettbewerbs:

  • Es soll als Leuchtturm für den Bereich Kultur und Kreativität die Stadt bereichern, zur Steigerung der Lebensqualität in Aalen beitragen und weit über die Region hinaus wahrgenommen werden.
  • Dazu sollen an dieser markanten Stelle der Stadt die wichtigsten kulturellen Angebote der Stadt und ihrer Bürger zusammengefasst werden. Dabei sollen auch eine und langfristig orientierte Kosteneinsparungen sowie Synergieeffekte zum Tragen kommen. Bisher sind diese Angebote an mehreren Standorten in der Stadt untergebracht, so dass Potential und Energie auf der Strecke bleiben.

Die mit Preisen ausgezeichneten Arbeiten werden vom Montag, 28. September 2015 bis einschl. Freitag, 30. Oktober 2015 ausgestellt im Foyer des Rathauses Aalen, Marktplatz 30, 73430 Aalen während der regulären Öffnungszeiten.

Die ausgezeichneten Planungen

Den vielfältigen Anforderung und Erwartungen wurden die mit einem Ersten, zwei Dritten und zwei Vierten Preisen ausgezeichneten Arbeiten unterschiedlich gerecht. Im Protokoll der Jury liest sich deren Beurteilung so:
   
1. Preis: Ackermann und Raff, Stuttgart

Ein quaderförmiger Körper legt sich über das bestehende Gebilde aus historischen Industriebauten. Die vorhandenen Giebel bleiben unberührt und ihre Charakeristik bleibt erhalten. Dagegen schwächt der Eingriff in die nördliche Dachfläche des Bestandes den typischen Charakter des Ensembles. Der Quader schließt bündig mit den Bestand ab und zeigt das Fügungsprinzip nur durch eine zarte Fuge. An dieser Stelle verliert der klare Ansatz etwas an Prägnanz, da Alt und Neu eher verschmelzen, obwohl im Grundsatz ein dialektisches, kontrastierendes Fügungsprinzip gewählt wurde. Insgesamt ergibt sich eine angenehm ausbalancierte Wirkung zwischen dem Anspruch eines öffentlichen Gebäudes und der umgebenden Maßstäblichkeit im Stadtgefüge.

Die äußere Erschließung ist klug gewählt. Von Norden betritt man von der nahen Unterführung und den nördlichen Stadtgebieten den „Alltagseingang“ für die Musikschule, Gastronomie, Kino und Kleinbühne. Der Theatersaal wird über den östlichen Vorplatz separat und repräsentativ erschlossen.
Die äußere Erschließung wird von ansprechenden Freianlagen begleitet und in ihrer Nutzungsqualität unterstützt.

Die innere Erschließung entspricht allen Anforderungen der Teilung und Zusammenführung der unterschiedlichen Nutzungen. Lediglich die Treppenhäuser scheinen in dem Planungsstadium nicht allen Anforderungen an Rettungswege zu erfüllen.

Die Verteilung der Nutzungen im Gebäude ist klug gewählt. Die „Köpfe“ der alten bestehenden Bausubstanz werden mit den Versammlungsräumen belegt und das positive Potential der Bausubstanz ausgeschöpft. So profitieren der Theatersaal und Veranstaltungsbereich vom eigenständigen Charakter des Eisenbahnwerks. Die hohen Lufträume und die Freistellung der Innenfassaden lassen eine typische, identitätsbildende Atmosphäre erwarten.

Die Lage der Gastronomie ist ideal, da sie von allen Teilbereichen leicht erreichbar ist und als natürlicher Ort der Versammlung der Besucher im Haus dienen kann.
Die Nachbarschaft von Musikschule und Werkstätten wird begrüßt, da die Funktionsbereiche entsprechend der Intensität ihrer Nutzung flexibel zugeordnet werden können.

Im Vergleich zu den anderen Arbeiten bietet der Entwurf wirtschaftliche Kennzahlen bei gleichzeitiger Erfüllung des Raumprogramms. Die einfache Fügung der Bauteile und das „Haus im Haus Prinzip“ der hochinstallierten Bauteile lassen im Rahmen der Unwägbarkeiten eines Altbaus eine wirtschaftliche Bauweise und Gebäudeunterhalt erwarten.

Insgesamt überzeugt der Entwurf durch seine durchgängige Qualität in Gestalt, Funktion und Wirtschaftlichkeit. Der architektonische Ausdruck scheint zum einen der Aufgabe und zum anderen dem Selbstverständnis einer Stadt und Bürgerschaft am Fuße der Ostalb sehr gut zu entsprechen.

Empfehlung des Preisgerichts

Das Preisgericht hat einstimmig beschlossen, dem Auslober zu empfehlen, die Wettbewerbsarbeit Nr. 1011 der weiteren Vorbereitung und Planung des Projektes Kulturbahnhof zu Grunde zu legen und dabei die Anmerkungen und Anregungen in der vorstehenden schriftlichen Beurteilung der Arbeit zu berücksichtigen.

Auch aus Sicht der Stadt hat der Wettbewerb zu einem sehr guten Ergebnis geführt, dessen Umsetzung möglichst zeitnah angegangen werden soll. Die kommunalen Gremien werden sich deshalb zeitnah mit dem Wettbewerbsergebnis befassen und die Weichen für die Weiterarbeit stellen.

© Stadt Aalen, 29.09.2015